Ein Weihnachtstraum

Samstag, 24. Dezember 2016

Ihr war kalt. So erbärmlich kalt. Zitternd streckte Miau sich und schüttelte ihr schwarzes Fell. Weiße Flocken zierten ihr Haarkleid und Schneeklumpen klebten ihr zwischen den Pfoten. Hungrig streunte sie durch die Straßen. Sie waren verlassen und leer, denn kaum eine Menschenseele war heute unterwegs. Heute war irgendetwas anders, Miau wusste, spürte es. Seitdem vor wenigen Tagen die ersten Schneeflocken den Boden berührt hatten, verändert sich alles. Auf den Straßen wurde es hektischer, in den Häusern behaglicher. Millionen von Lichtern erhellten die Stadt. Ihre eigene Welt indes wurde einfach nur kälter. Einen warmen, trockenen Schlafplatz zu finden, war fast unmöglich geworden und auch die Essenssuche erwies sich als immer schwieriger. Fast jede Nacht schlief sie mit hungrigen Magen in der Kälte, irgendwo so eng wie möglich zusammengerollt, die Nase unter der Schwanzspitze versteckt.

Auf der Straße zu leben war hart, das wusste Miau, aber im Winter wurde es noch härter. Die Kälte ließ ihr Fell erstarren und ließ ihren Lebensmut sinken. Früher, ganz früher hatte sie einmal ein anderes Leben gehabt. Mit einer Familie, die sie liebten. Menschen, die sich liebevoll um sie gekümmert hatten. Die ihr einen Namen gegeben hatten. Ein Zuhause. Doch diese Erinnerungen waren in dichtem Nebel verhüllt. Dumpf nur konnte sie sich noch an die Wärme erinnern. Die Liebe und das Gefühl, eine Zuhause zu haben. Irgendwann waren ihre Menschen einfach gegangen und hatten sie alleine zurückgelassen. Einsam war sie dann auf einmal gewesen. Hätten Katzen weinen können, Miau hätte sich die Seele ausgeweint. Mit nur anderthalb Jahren war ihr kleines Katzenherz komplett entzwei gebrochen. Und es heilte nur schwer.
Besonders als die neue Familie sie vertrieb. Egal wie oft Miau auch zurückkehrt und Geschenke mitbrachte, sie wurden immer energischer. Teilweise sogar mit Schlägen und Tritten. Zuletzt schüttete einer der Männer sogar heißes Wasser über sie aus. Wäre Miaus Herz nicht schon gebrochen gewesen, wäre es noch mal zerbrochen. Seitdem lebte Miau auf der Straße. Einsam, zerbrochen und verletzt. Dieses Leben war hart, aber sie hatte ein Kämpferherz. Ein zerbrochenes zwar, aber dennoch ein Kämpferherz. Sie lernte schnell und nahm die Regeln der Straße in sich auf. Bis heute hatte sie sich mehr oder weniger gut durchgeschlagen, aber dieser Winter war anders. Kälter. Härter.

Seit Tagen hatte sie nicht mehr wirklich etwas gefressen. Ein Stück Käse heute morgen war alles, was sie hatte auftreiben können. Und es sah weiterhin schlecht aus. Drei Stunden streunte sie bereits durch die Straßen. Schnee dämpfte die Geräusche ihrer Schritte. Doch nichts ließ sich finden. Hungrig und müde suchte sie schließlich einen alten, zugigen Schuppen auf. Dort rollte sie sich zu einem engen Knäuel zusammen. Seit langem war dies der trockenste und wärmste Platz für die Nacht, den sie hatte finden können. Mit einem leeren Gefühl im Magen schob sie ihre rosa Nase unter den Schwanz und begann zu träumen.

Wie jede Nacht begann ihr Traum vom Fliegen. Sie saß auf einer üppigen grünen Wiese und genoss die Sonne, die sanft ihr Fell liebkoste und wärmte. Doch diesmal war etwas anders. Etwas schob sich in den Traum und veränderte ihn. Leicht nur, aber doch wahrnehmbar. Ein Geräusch drang an ihre Ohren und zerriss die Stille wie ein Peitschenschlag.
Erschrocken erwachte Miau aus ihrem Traum. Eisiger Wind pfiff durch die Laube und ein paar einzelne Schneeflocken wirbelten durch die Nacht. „Na, wen haben wir denn da?“, die Stimme war tief und dumpf. Verängstigt drückte Miau sich so tief in ihre Ritze wie es nur ging. Ängstlich vibrierten ihre Schnurrhaare.
Na na, wer wird den Angst vor einem alten, dicken Mann haben?“ Vorsichtig streckte er die Hand aus und berührte das stumpfe schwarze Fell. Sofort strömte mollige Wärme durch die kalten Glieder des Kätzchens, welches wollig schnurrte. „Ja so ist es schon besser, nicht wahr, kleine Miau?“ Brummend streckte sie sich und rieb ihren Kopf an seine Hand. Instinktiv spürte sie, dass sie ihm vertrauen konnte und Miau hatte seit Jahren niemandem mehr vertraut.

Ja, habe ich also richtig gehört“, brummte er leise vor sich her. „Eine kleine Katze die weint. Wie ungewöhnlich. Wie viel Schlechtes musst du bereits erlebt haben! Eine Katze weint niemals ohne Grund!“ Nachdenklich betrachtete er die magere Katze. „Was ist dein größter Wunsch, hm?“ Seine Augen trafen die ihren und ein breites Lächeln glitt über sein Gesicht. „Na, wenn es sonst nichts ist.“ Behutsam hob er Miau hoch und trug sie nach draußen. Es war still. Schneeflocken schwebten lautlos zur Erde nieder. Nur das leise Scharren von Hufen war zu vernehmen. Hier und da auch ein Schnauben oder das sanfte Spiel von Glöckchen. Miau schüttelte sich, als sich eisig kalte Flocken in ihrem Fell verfingen. Und dann sah sie es. Erschrocken richtet sie sich auf. Aufgeregt spitzte sie die Ohren. Dort stand im diesigen Licht einer Straßenlaterne ein riesiger Schlitten. Und davor standen sechs dampfende Rentiere im Schnee. „Na, da staunst du, hm?“, tief dröhnte das Lachen durch die Nacht. Ein tiefes, überraschtes Schnurren war ihm Antwort genug. „Und jetzt werden wir einmal deinen größten Wunsch erfüllen.

Mit Miau im Arm ging er zu dem ersten Paar der Rentiere und setzte Miau auf einem der breiten Rücken ab. Überrascht wollte sie sich festkrallen, als sie ein bittender Blick aus tiefbraunen Augen traf und sofort zog sie ihre Krallen wieder ein um dem fremden Tier nicht wehzutun. Kurz darauf erschien der Weihnachtsmann wieder mit einem kleinen Geschirr, das er das Katze rasch überzog. Es passte perfekt. „Ja, jetzt kann es losgehen. Nein Moment, etwas fehlt noch.“ Die Hand des Mannes strich behutsam über Miaus Rücken und zwei Flügel wuchsen heraus. Wunderschöne schwarze Schwingen. Vorsichtig bewegte Miau diese und staunte nicht schlecht, als sie ein Stück vom Rentierrücken abhob. „Ja, so ist es gut“, lachte der Weihnachtsmann, so sehr, dass sein üppiger weißer Bart vibrierte. Dann befestige er das Geschirr so, dass sie den Schlitten anführte und kurz darauf erhob sich der Schlitten mit Miau in die Lüfte.

Die Welt schien still zu stehen. Die Luft wurde nur vom hellen Glockenklang erfüllt. Nur selten war daneben noch das Knirschen im Schnee zu hören, wenn der Schlitten landete und die Rentiere schnaubten. Die Nacht war lang und dennoch zu kurz. Miau war glücklich, glücklicher als lange zuvor in ihrem Leben. Und doch musste auch diese Nacht irgendwann ein Ende finden und schließlich landeten sie wieder vor dem herunter gekommenen Schuppen. „So kleine Katze, da sind wir wieder.“ Unglücklich ließ Miau ihre Ohren hängen. „Sei nicht traurig kleines Kätzchen“, wisperte eines der Rentiere. „Heute ist schließlich Weihnachten.“ Diese Wort begleiteten Miau in den Schlaf.

Schritte. Schritte? Miaus Ohren zuckten unruhig und als sie zusätzlich Stimmen hörte, schrak sie entgültig aus dem Schlaf. „Mama, Mama, schau doch mal.“ Zwei große Augen sahen sie an und jemand begann sie hinter den Ohren zu kraulen. „Oh mein Gott, das arme Tier.“ Noch eine Hand kraulte ihr zärtlich das Fell, doch Miau hatte keine Angst, diesmal nicht. „Willst du ein Zuhause meine Kleine?“ Miau streckte vorsichtig ihr Näschen aus und stupste die warme, zärtliche Hand sanft an. Sanft hob das kleine Mädchen sie hoch und Miau kuschelte sich schnurrend in ihre Arme. Zuhause, sie wusste, dass sie endlich wieder zuhause angekommen war.

Weit oben, in den Tiefen Lapplands lachte der Weihnachtsmann vergnügt. „Ja, das ist dein allergrößter Wunsch gewesen, auch wenn du ihn in deinem zerbrochenen Herz vergraben hattest. Willkommen zu Hause, kleine Miau. Willkommen zurück im Leben!“

Kommentare:

  1. Huhu Vivka,

    das ist wirklich eine tolle Geschichte. Sie hat mich echt berührt.
    Ich wollte dir auch schöne Weihnachtsgrüße hinterlassen.

    Also Frohe Weihnachten und genieße die Tage.

    LG Chia

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    1. Danke schön, das freut mich wirklich sehr =)

      Liebste Grüße und auch dir ein schönes Weihnachtsfest mit deinen Liebsten,
      Vivka

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  2. Huhu,

    die Geschichte war ja mal süß^^ auch wenn Katzen nicht gerade meine Lieblingstiere sind so hat mich Miau's Geschichte doch schon bewegt.

    Liebe Grüße & noch eine schönes Weihnachtsfest

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    1. Hehe kann man ja durchaus auch auf andere Tiere projezieren =)
      Vielen Dank!

      Dir auch ein wunderschönes Weihnachtsfest und schöne Feiertage!

      Liebste Grüße,
      Vivka

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  3. Wow, die Geschichte ist einfach nur total toll ;)
    Hat mich sehr berührt ;)

    Wünsche dir Frohe Weihnachten ;) Genieße die Zeit mit deinen Liebsten ;)

    Liebe Grüße
    Rebecca

    Ps: Mache bei Lesend und Blubbernd durch die Weihnachtszeit mit ;)

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    1. Vielen lieben Dank =)

      Danke schön, das wünsche ich dir auch!

      Liebste Grüße,
      Vivka

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  4. Hallo,
    puh jetzt habe ich Tränen in den Augen. So eine berührende Geschichte. Gottseidank hat Miau doch ein schönes Heim gefunden.
    ganz liebe Grüße
    Anja vom kleinen Bücherzimmer

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    1. Awwww vielen lieben Dank =)

      Oh ja, zum Glück, ich hoffe das geschieht nächstes Jahr auch wieder für ganz viele Tiere aus dem Tierheim!

      Liebste Grüße,
      Vivka

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